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Zu jung für Krebs? Ein neuer Alltag mit und nach dem Eierstockkrebs 

5. März 2026
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Gastbeitrag

Immi’s Geschichte

 

Inhaltshinweis: Fotos von Operationsnarben

Ich bin Immi, mittlerweile 27 Jahre alt. Das hier ist meine Geschichte mit dem Eierstockkrebs. Es ist der 17. Februar 2025. Ich liege in einem Aufwachraum der Charité, versuche im Dämmerzustand herauszufinden, wie ich mit diesem Harnkatheter aktiv pinkeln kann (Spoiler: passiert von allein!) und schaffe es erwartungsgemäß nur zögerlich, einen klaren Gedanken zu fassen. Kurz nach 8:00 Uhr habe ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut, bevor die Narkose wirkte.

Als ich endlich wieder einigermaßen bei mir bin, um auch ohne Brille die Uhr zu lesen, beschleicht mich schon ein ungutes Gefühl. Kurz nach 17:00 Uhr: Ich bin jedoch noch zu benommen, um die Konsequenz zu begreifen.

Der Oberarzt kommt kurze Zeit später, um mich zu informieren: Ich habe tatsächlich Eierstockkrebs und die OP war entsprechend umfangreich. Mir wurden beide Eierstöcke, Gebärmutter, Bauchfell und zahlreiche Lymphknoten entfernt. Glücklicherweise sah es aber so aus, als hätte er nicht gestreut, sodass mein Darm wieder vollständig und ohne künstlichen Ausgang in mir drin war.

Obwohl ich die Diagnose erwartet habe, werde ich so emotional, dass man mir auf dem Weg zurück auf Station noch den Rest der Taschentücherbox mitgibt. In den kommenden Tagen (und Nächten) habe ich viel Zeit zum Nachdenken: Wie oft ich vom Frauenarzt gehört hatte, ich sei viel zu jung für Krebs und das könne eigentlich nicht sein. Und ich trotzdem von Anfang an ein schlechtes Gefühl hatte.

Glücklicherweise hatte der Arzt trotz Zweifeln eine gewissenhafte Diagnostik betrieben und mich, als er nicht weiterkam, an die Charité überwiesen. Die einzige für mich greifbare Symptomatik neben Zunahme des Bauchumfangs war, dass ich mit Menstruationsbeginn so starke Schmerzen hatte, dass ich mehrere Stunden fast durchgängig vor Schmerzen weggetreten da lag. Keine Wärme oder Schmerzmittel halfen.

Über mehrere Termine in der Charité hinweg fiel nicht ein einziges Mal das „böse K-Wort“, obwohl ich vor dem Staging schon die Blutwerte ausgewertet hatte, bei denen die Tumormarker sehr auffällig waren. Durch mein Studium konnte ich auch den ROMA- Score nachvollziehen und wusste aus den wissenschaftlichen Papern, dass dieser ziemlich zuverlässig nichts Gutes erahnen ließ.

 

Die OP steckt mein Körper zum Glück gut weg und es gibt keinerlei Komplikationen. Obwohl mir gesagt wurde, dass ich 10-14 Tage stationär bleiben müsse, werde ich an Tag 7 nach der großen Bauch-OP entlassen, denn ich mache deutlich: Schmerzmittel und Thrombosespritzen kann ich auch allein managen.

Die Wunde zieht sich von den der Scham bis ungefähr auf Höhe des Zwerchfells, sodass mir in den ersten Wochen das Laufen, Liegen und auch alles andere sehr schwerfällt. Jedoch bin ich wild entschlossen, alles gut zu verarbeiten und fange schon kurz nach Entlassung an, meine Schmerzmittel immer weiter zu reduzieren und gehe immer wieder weit über die Schmerzgrenzen hinaus, in der Hoffnung etwas Normalität zurückzugewinnen.

 

Ich habe Glück, oder was immer das sein soll: Die Pathologie ist sehr günstig für mich und auch genetisch können keine Mutationen nachgewiesen werden. Mit nur drei Zyklen Chemotherapie (statt der üblichen sechs), planmäßig im Abstand von drei Wochen, habe ich sehr große Chancen, vollständig und endgültig geheilt zu werden. So bekomme ich vier Wochen später meinen Port auf der rechten Seite implantiert und drei Tage später die erste Infusion.

Die Zeit der Chemotherapien rennt einfach vorbei. Ich bin irgendwo zwischen Neben-mir-stehen, Blutproben, Konzentrationsschwäche und Polyneuropathien. Da zwischen den ersten zwei Zyklen mein Blutbild zu schlecht ist, wird der zweite Zyklus immer wieder aufgeschoben, was mich massiv belastet, sodass ich am Ende sogar den Punkt erreicht habe, bei nochmaligem Verschieben das ganze Unterfangen abbrechen zu wollen.

 

Bis heute, ein Jahr nach der OP, habe ich täglich Ziehen und Schmerzen im Bauch, meine Verdauung ist unberechenbar und ich habe sichtbare Beulen, die mich sehr stören und bisher trotz guten Trainings nicht kleiner geworden sind. Auch die Wechseljahresbeschwerden sind nur mäßig einzudämmen, da ich aufgrund der Tumorart nur auf pflanzliche Mittel zur Linderung zurückgreifen kann, eine Hormonersatztherapie kommt nicht in Frage.

Die Polyneuropathien sind glücklicherweise so gut wie weg und auch die Lymphe findet durch Lymphdrainage und Sport einigermaßen ihren Weg. Ich habe die Kapazität, mich mit anderen Dingen auseinanderzusetzen und muss verarbeiten, dass es auch perspektivisch Diskriminierung geben wird, weil in Deutschland das sogenannte „Recht auf Vergessenwerden“ noch nicht gesetzlich verankert ist. Und vor allem: Ich muss in Kontakt gehen und bleiben, um mit diesen Gefühlen nicht zu vereinsamen.

Ich lerne andere (junge) Leute mit Krebsdiagnosen kennen und trenne mich von langjährigen Freund*innen, die kein Verständnis für meine neue Situation aufbringen können. Ich gewöhne mich an den Gedanken, dass die Möglichkeiten nun andere sind und ich niemals eigene Kinder haben werde, genieße aber auch, dass meine Verwandten meine Hündin nun umso mehr als Familienmitglied betrachten. Manchmal fällt es mir leicht, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren – doch immer wieder kommen auch Schmerz, Unsicherheit und Bedauern hoch und mir bleibt nichts, als darüber zu sprechen und die Tiefs irgendwie durchzustehen.

Tatsächlich hilft mir dabei oft ein schwarzer Humor. In besonders guten Momenten halte ich kurz inne und mache mir klar, dass ich relativ gesehen Glück und einen blickigen Arzt hatte und dadurch die Möglichkeit bekommen habe, zu leben.

Meine Botschaft an andere Betroffene: Ihr seid nicht allein! Niemand muss das allein durchstehen und es müssen nicht die Freund*innen sein, die ihr (schon) habt. Hört auf euch selbst. Gesteht euch zu, das Leben damit bzw. danach noch mehr wertzuschätzen und Grenzen zu ziehen. Und nutzt die paar „Vorteile“ mit der Schwerbehinderung und allem – wir haben jedes Recht dazu!

Denn wer weiß besser als wir jungen Erwachsenen mit Krebs, dass das Leben schneller vorbei sein könnte, als man denkt?