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Als aus Weltreise plötzlich Darmkrebs wurde

19. Juni 2026
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Gastbeitrag

Alex‘ Geschichte

Ich bin Alex, 33 Jahre alt, Gründer und KI-Berater. Anfang 2025 bin ich gemeinsam mit meiner Freundin aus Deutschland ausgewandert und wir haben angefangen, ortsunabhängig zu leben und zu arbeiten. Seitdem waren wir auf Teneriffa, auf dem spanischen Festland, in Thailand, Bali, Sri Lanka und zuletzt in Vietnam. In Da Nang hatten wir gerade unser Airbnb um einen Monat verlängert, weil es uns dort sehr gut gefallen hat.

Dann waren wir am Strand. Ich hatte selbst nichts gemerkt. Erst meine Freundin sah plötzlich, dass meine Badehose hinten voller Blut war. Nicht ein bisschen. Es war so viel, dass wir direkt ins Krankenhaus gefahren sind.

Am Anfang wurde es als Hämorrhoiden eingeordnet. Ich wollte das auch gerne glauben, aber irgendwie passte es nicht. Es war zu viel Blut. Also wurde noch einmal genauer geschaut. Dann fiel zum ersten Mal das Wort Tumor.

Ab da lief alles sehr schnell und gleichzeitig quälend langsam. Ultraschall, MRT, Darmspiegelung mit Biopsie, nochmal MRT. Mehrere Tage Krankenhaus in Da Nang. Mehrere Tage, in denen man versucht, ruhig zu bleiben, obwohl man eigentlich die ganze Zeit nur auf Ergebnisse wartet.

Wir haben uns eingeredet, dass es schon nicht so schlimm sein wird. Vielleicht ist es kein Tumor. Vielleicht ist es gutartig. Vielleicht ist alles bald vorbei und wir können danach weiterreisen. Man hält sich in solchen Momenten an jedes “Vielleicht”, weil die Alternative zu groß ist.

Am Mittwoch waren die Untersuchungen erstmal abgeschlossen. Das Ergebnis der Biopsie sollte erst in der folgenden Woche kommen. Am Donnerstagmorgen hatte ich dann wieder viel Blut. Da war für uns klar: Wir bleiben nicht einfach in Da Nang und warten.

 

Wir haben direkt unsere Sachen gepackt und für den selben Tag einen Flug nach Hanoi gebucht, weil es dort in derselben Krankenhauskette ein spezialisiertes Tumorboard gab. Außerdem gingen von dort auch die Flüge zurück nach München, wo ich früher gewohnt habe und meine Familie immer noch lebt.
Am Donnerstagnachmittag waren wir in der Flughafen-Lounge in Da Nang und dann kam plötzlich die E-Mail mit dem Biopsie-Ergebnis. Der Befund war auf Vietnamesisch mit ein bisschen Englisch dazwischen. Mithilfe von Übersetzungsprogrammen wurde schnell klar, was dort stand: Der Tumor ist bösartig. Darmkrebs.

Da war mir klar, dass das keine Sache von ein paar Tagen wird. Gerade in Hanoi gelandet, haben wir den nächsten Flug nach München gebucht, der auch schon nach 7 Stunden Wartezeit gestartet ist.
In Deutschland wurde dann alles noch einmal untersucht. Die wichtigste gute Nachricht: keine Fernmetastasen. Gleichzeitig sitzt der Tumor tief im Rektum, und die Lymphknoten waren auffällig. Medizinisch ging es deshalb eher in Richtung Stadium III, die Lymphknoten waren nicht sicher befallen, aber waren etwas vergrössert.

Seit Ende Mai läuft meine Behandlung. Port, Chemotherapie, Bestrahlung, Infusionspumpe, Krankenhaus, Tagesklinik. Erst sechs Wochen Radiochemotherapie, danach weitere Chemotherapie. Später wird geschaut, wie der Tumor reagiert hat und ob operiert werden muss.

 

Ich beschreibe das wahrscheinlich sachlicher, als es sich anfühlt. Vielleicht, weil mir diese Sachlichkeit hilft. Ich habe Maschinenbau studiert, bin beruflich dann aber eher in Software und KI gelandet. Ich denke viel in Systemen, Plänen und Problemen. Und manchmal fühlt sich auch diese Diagnose so an: Das ist jetzt die Situation. Sie ist scheiße, aber sie ist da. Also muss ich irgendwie damit umgehen.
Emotional ist es natürlich trotzdem etwas anderes.

Vor kurzem war mein Alltag noch Strand, Coworking Space, Kokosnuss-Kaffee und neue Orte entdecken. Jetzt besteht er aus Arztterminen, Versicherungsfragen, Therapieplänen und der Frage, wie viel Energie heute übrig ist. Das ist ein ziemlich harter Bruch. Nicht nur, weil man krank ist, sondern weil plötzlich das ganze Leben pausiert. Pläne, Reisen, Arbeit, Zukunft. Alles wird auf einmal unter Vorbehalt gestellt.

Was mich im Nachhinein besonders beschäftigt: Ich hatte in den Monaten davor schon Warnzeichen. Leichte Blutungen, Verdauungsbeschwerden, Dinge, die kurz da waren und dann wieder weg. Ich habe sie verdrängt. Es war nicht schlimm. Ich wollte nicht zum Arzt. Ich wollte reisen. Ich dachte nicht an Krebs, schon gar nicht mit 33 Jahren.

Nach meiner Diagnose habe ich außerdem erfahren, dass es in meiner Familie mehrere Fälle von Darmkrebs oder Tumoren gab. Darüber wurde aber nie richtig gesprochen. Vielleicht hätte ich anders reagiert, wenn ich das früher gewusst hätte. Vielleicht wäre ich früher zur Vorsorge gegangen. Vielleicht wäre mir ein Teil dieser Therapie erspart geblieben. Vielleicht auch nicht. Aber dieses Wissen hätte etwas verändert.

 

Deshalb ist eine meiner wichtigsten Botschaften: Sprecht in euren Familien über Krankheiten. Auch wenn es unangenehm ist. Gerade über Krebs, Darmkrebs, Tumore, Vorsorge und mögliche familiäre Risiken. Es geht nicht darum, Angst zu machen. Es geht darum, Informationen nicht erst dann zu bekommen, wenn es schon zu spät ist.

Und an junge Menschen, besonders auch an Männer: Wenn sich etwas im Körper falsch anfühlt, lasst es abklären. Nicht irgendwann. Nicht nach der nächsten Reise. Nicht erst, wenn es wirklich nicht mehr zu ignorieren ist. Ich weiß selbst, wie leicht man Symptome wegschiebt. Aber jung sein schützt nicht automatisch.

Ich weiß noch nicht genau, wie die nächsten Monate werden. Ich hoffe, dass die Therapie gut anschlägt. Ich hoffe, dass ich gesund werde. Und wenn es irgendwie geht, möchte ich irgendwann wieder weiterreisen.

Aber gerade ist mein Ziel kleiner und gleichzeitig größer: durch diese Zeit kommen, Schritt für Schritt. Nicht jeden Tag stark sein müssen. Hilfe annehmen. Ehrlich bleiben. Und vielleicht dafür sorgen, dass jemand anderes ein Warnsignal früher ernst nimmt als ich.