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Das Geile in der Scheiße

13. März 2026
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Gastbeitrag

Katja’s Geschichte

In meiner ersten Therapiesitzung in der Krebsberatungsstelle bei mir in der Stadt sagte ich meiner Therapeutin, dass ich gerne „etwas Geiles aus der Scheiße“ ziehen würde. Da saß ich nun, verängstigt und verloren, und schaute meine psycho-onkologische Therapeutin mit großen Augen an, während ich gar nichts Geiles, sondern nur scheiße spüren konnte.

Ich hatte ca. drei Wochen zuvor die Diagnose „Krebs“ per Telefon erhalten, und meine erste Operation und Chemo lagen schon hinter mir. Krebs mit Anfang 30 – hätte sich das Schicksal nicht einen leichteren Schlag ausdenken können, um mich daran zu erinnern, wie wundervoll das Leben ist? Es kam mir absolut surreal vor, dass es mich getroffen hatte. Meine Ernährung war so gut wie lange nicht, ich war sportlich, hielt meine Work-Life-Balance für ausgeglichen und fiel in so gar keine der Kategorien, die die Ärzt:innen bei jungen Krebserkrankten parat haben.

Als ich begann, auf meinem normalen Reise-Blog über meine „Krebs-Reise“ zu berichten, habe ich definitiv nicht mit so einer positiven Resonanz gerechnet. Es lag nicht in meiner Vorstellungskraft, dass es Menschen außerhalb meines engsten Freundes- und Familienkreises interessieren könnte, wie es sich anfühlt, mit dieser Diagnose konfrontiert zu sein.

Von Krebs als eine Reise zu sprechen, fühlt sich für Außenstehende sicherlich erst einmal komisch an. Und doch gibt es so viele Parallelen: die Magen-Darm-Beschwerden, die kulturell komischen Momente oder die vielen Ortswechsel. Aus zwei geplanten Blog-Beiträgen wurde mein Buch: RESI & BLOOM. Als ich damals in der Krebsberatungsstelle saß, konnte ich es noch nicht wissen – heute denke ich, dieses Buch ist genau das: das Geile in der Scheiße.

Wenn man selbst nicht betroffen ist, fällt einem gar nicht auf, dass es in Bezug auf Krebs nur ein eindimensionales Narrativ gibt: Erkrankung, laaaaaaaaanger Leidensweg, Tod. Das gilt insbesondere dann, wenn von jüngeren Krebserkrankten berichtet wird. Und natürlich gibt es sie im realen Leben: diese verdammt traurigen Krebs-Geschichten, das lange Leiden, das Gefühl von „ist doch nicht fair!“ und die einhergehende Hoffnungslosigkeit. Und trotzdem: Seitdem ich selbst in diesem Krebs-Kosmos bin, nervt mich diese eintönige Erzählung unheimlich, denn es gibt auch sie:

  • die Geschichten von Hoffnung in den dunkelsten Zeiten
  • die Geschichten von Menschen, die nicht ausschließlich mit Tiefen, sondern auch ganz viel persönlichem Wachstum durch ihre individuelle Krebs-Zeit gehen
  • Geschichten von jungen Erkrankten, die überleben

 

Doch aus irgendeinem Grund werden diese hoffnungsvollen Geschichten nicht geschrieben, also habe ich versucht, sie selbst zu schreiben. Und welche Themen mir dabei wichtig sind? Eines ist zum Beispiel ganz klar das hier:

Über Haare und Weiblichkeit

Neben vielen Nebenwirkungen und Gewöhnungen war sicherlich die Nebenwirkung „Alopezie“, also der Verlust der Haare, mit am einschneidendsten. Wie krass ist einfach die Vorstellung, dass man nur eine – EINE! – Chemo-Session braucht, und schon fallen alle Haare aus? Hallo?

Eine Woche nach der ersten Chemo war ich noch total zuversichtlich, denn scheinbar dauert es bei manchen Patient:innen länger, bis die Haare ausfallen. Meine Haare schienen zu dem Zeitpunkt noch total fest – aber eines Morgens, und ich kann es nicht anders beschreiben, fing das „ploppen“ an. Dieses unschuldige „plopp“, wenn eine Haarwurzel den Kopf verlässt. Und dieses plopp-plopp-plopp-ploppopp-plopp-plopp, wenn es dann doch mehr als eine Haarwurzel ist. Auch wenn ich vorher wusste, dass das passiert – es zu erleben ist trotzdem scheiße.

Ich habe also eines Morgens meine große Schwester und meine Freundin Jana angerufen, ob sie mit mir nach Mönchengladbach fahren, um meine Haare nun endgültig abzuschneiden. Warum ausgerechnet dort hin? Ich hatte mich entschieden, meine Haare abschneiden und an einem Haarband befestigen zu lassen, damit ich sie Perücken-ähnlich tragen konnte; und dafür gab es in meiner Nähe nur diesen einen Anbieter. Das Abschneiden an sich war dann nur eine logische Konsequenz aus dem Ploppen und fühlte sich gar nicht mehr so schlimm an.

An dem kommenden Wochenende trug ich diese „moderne Kurzhaarfrisur“ richtig gerne, bis ich langsam zur Pusteblume wurde. Schon mal versucht, bei einer Pusteblume die Samen abzupusten? Yep, that was me, 1,5 Wochen nach der ersten Chemo. Den Namen „Pusteblume“ verpasste mir übrigens ein Freund, der im selben Augenblick über sich selbst erschrak, und sich fragte, ob man so etwas sagen kann? Kann man, zumindest bei mir – denn kein Bild traf das Gefühl meines stellenweisen Haarausfalls so sehr, wie das der Pusteblume.

Richtig gemein wurde das Gefühl erst, als die letzten kurzen Haare auch noch ausfielen und mein Mann mir half, meinen Kopf nass zu rasieren. Er machte sich einen Spaß daraus, mir alle möglichen unmöglichen Frisuren zu schneiden, sodass es heute wohl auch noch Bilder von mir als „brutal aussehende Schlägerin“ geben soll – nur von hinten aufgenommen versteht sich, sonst hätte ich natürlich gleich auch zugeschlagen. Wenn ihr noch keine:n Partner:in habt und nach der #1 „green flag“ sucht – ich empfehle euch jemanden mit Humor, denn das macht viele Situationen deutlich erträglicher.

 

Ich beschreibe das Gefühl des Scherens mit dem Haartrimmer allerdings bis heute als „demütigend“, und dabei habe ich wirklich Rotz und Wasser über der Badewanne geheult. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, wie viel Stigma an einer Glatze – insbesondere bei Frauen – hängt. Und irgendwie fühle ich es bis heute nicht, wenn jemand sagt, es „sind doch nur Haare“. Ja, in der Theorie ja. Aber in der Praxis eben nicht wirklich.

Häufig ist eine Glatze bei Frauen die Konsequenz aus einer Erkrankung, wie beispielsweise Krebs oder erblich bedingter Alopezie, oder aus einer öffentlichen Demütigung wie beispielsweise in Nationalsozialismus-Zeiten. Und so fühlte es sich für mich an, als würden mit meinen Haaren auch die Normalität und die Weiblichkeit mein Leben verlassen. War es vorher von außen nicht wirklich erkennbar gewesen, dass ich Krebs hatte – mit der Glatze wurde es für alle in meinem Umfeld sichtbar.

Und dieses Stigma von Frauen mit Glatze ist wohl auch der Grund, weshalb ich konsequent von Fremden angestarrt wurde, wenn ich vergessen hatte, mit Kopfbedeckung wie Kappe oder Mütze rauszugehen. Oder wenn ich vergessen hatte, dass ich überhaupt eine Glatze hatte. Auch das ist vorgekommen: Manchmal fragte ich mich einfach, wieso die Leute schauten und erst der zweite Gedankengang war dann „Ach ja stimmt! Ich habe ja eine Glatze“. Das nennt man dann wohl Akzeptanz.

Ein paar Wochen nach der ersten Chemo kam dann endlich mein Toupim-Haarband an – und das Timing hätte nicht besser sein können, denn ich kam gerade wieder von einer Chemo-Session nach Hause. Meine eigenen Haare wieder zu tragen und fast schon normal auszusehen, war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, sodass auch da direkt wieder die Tränen flossen.

Auch wenn ich das Haarband jetzt rückblickend nicht so häufig getragen habe, so hat es mir doch extrem geholfen, zu wissen, dass es jederzeit da ist, um getragen zu werden. Was übrigens richtig Spaß macht, ist, das Haarband zu verleihen – und es haben definitiv mehr Männer in meinem Umfeld angehabt als ich selbst – fast immer mit dem Kommentar „puh, sind lange Haare zu tragen heiß!!! Mir bricht der Schweiß aus!!!“

Kurzer Fail zum Thema Haarband: Wir waren dieses Jahr auf mehreren Hochzeiten eingeladen und für mich stand fest, dass ich dort meine Haare (am Haarband & mit Hut) tragen wollte. Und was macht man als Trägerin von glatten Haaren zu so einem Anlass? Na logo, Locken.

Wäre normalerweise auch kein Problem, wenn die Haare am Kopf wären und nicht am Band. Denn dann hat man ja einen automatischen Widerstand (die plopp-Haarwurzel), die ich jetzt mithilfe der anderen Hand und dem Halten des Haarbandes simulieren musste. Das war schon einmal das erste Problem.

 

Das zweite kam dadurch zustande, dass ich keinen Lockenstab besitze, sondern nur so ein „Babydoll“-Lockengerät, welches die Haare einzieht, erhitzt und als fertige Locke wieder rauslässt. Das wäre auch ganz cool, aber was mir als unfreiwillig-lustige-Person natürlich passierte, war folgendes: Das Gerät zog meine Haare ein, begann dann wild zu piepsen und anschließend begann es auch noch zu rauchen. Mega. Meine Haare fackeln hier am Haarband vor meinen Augen ab, und mir wurde in dem Moment schmerzlich bewusst, dass diese auch nie wieder am Haarband nachwachsen würden.

Also rief ich panisch nach meinem Mann, und gemeinsam saßen wir in Unterwäsche auf dem Boden und schwitzten vor Stress und Angst, das Haarband für immer ruiniert zu haben. Wir wollten die Haare wieder aus dem Gerät bekommen, ohne sie abschneiden zu müssen, denn – auch die würden nicht nachwachsen. Ich sag’s euch: Wir zwei waren ein Bild für die Götter, da halb angezogen mit großen Augen und leichtem Schweißausbruch auf den Fliesen.

Apropos Haare und Glatze – ich habe selten so viele Komplimente von Menschen zu meiner Kopfform bekommen. Das ist ja irgendwie deshalb so witzig, weil man (vor lauter Haaren) bei den meisten Menschen gar nicht weiß, wie die Kopfform wirklich aussieht. Auch scheinen meine blauen Augen noch mehr hervorgekommen zu sein – so ohne Haare. Das war zumindest so und für meinen Geschmack auch recht weiblich, bis dann auch meine Wimpern und Augenbrauen ausgefallen sind. Und – woran viele überhaupt nicht denken – es fallen ja wirklich alle Haare aus. ALLE.

Also auch:

  • Intimbereich (yay! Endlich ohne Waxing/Sugaring)
  • Beinhaare (sehr geil)
  • Wimpern (oh no)
  • Armhaare (nichts könnte mir egaler sein) und
  • Nasenhaare (like WTF? Die hatte ich vorher noch nie bewusst wahrgenommen)

Wenn mir die Haare an einer Stelle meines Körpers – abgesehen von meiner Kopfbehaarung – am meisten gefehlt haben, dann in meiner Nase. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft und doll die Nase läuft, wenn man da keine Haare mehr hat. Die Packung Taschentücher ist schon leer, wenn man mit dem Fahrrad den Weg zum Yogastudio den Berg herunterrollt. Wenn du also überlegen solltest, die Nasenhaare zu waxen – lass es.

Das Leben ohne Nasenhaare macht wirklich wenig Spaß. Ach ja und die tränenden Augen, wenn keine Wimpern mehr da sind, sind auch echt unpraktisch. Also doch nicht nur eine, sondern zwei Packungen Taschentücher bis zum Yogastudio – oder ganz charmant mit schneller Brille auf dem Gravel-Bike, denn mit Glatze und schneller Brille fährt es sich eh schneller als üblich!