Thomas‘ Geschichte
Hallo, ich heiße Thomas und bin 35. Im Februar 2022 erhielt ich die Diagnose Lymphdrüsenkrebs: ein schnell wachsendes Non-Hodgkin-B-Zell-Lymphom (diffus großzelliges B-Zell-Lymphom/DLBCL) im vierten Stadium. Die endgültige Diagnose dauerte, weil das Lymphom aus einer langsameren Form in eine aggressivere übergegangen war und es anfangs kein klares Bild ergab.
Weil meine Milz auf etwa 9 bis 12 kg angeschwollen war, verbrachte ich einige Wochen im Krankenhaus. Dort bekam ich sofort Kortison, wodurch die Lymphome abschwollen und meine Symptome gelindert wurden. Seit Jahren hatten sich Sodbrennen, Verdauungsprobleme und ein juckender Ausschlag, der sporadisch auftrat und spurlos verschwand, verstärkt. In den letzten zwei Wochen vor der Behandlung war mein Bauch so sehr geschwollen, dass es schmerzte. Ich war kraftlos und abends von juckenden Pusteln übersät.
Nach sechs Chemoimmuntherapien (R-CHOP), die letzten vier ambulant, war für einige Monate nichts mehr zu sehen. Doch im selben Jahr, kurz vor Heiligabend, fiel mir auf, dass sich mein Gangbild veränderte. Plötzlich konnte ich meinen linken Fuß nicht mehr spüren. Am nächsten Tag wurde mein Bein immer tauber. Am späten Nachmittag konnte ich unterhalb des Knies nichts mehr spüren oder bewegen. Hinzu kam ein stechender Schmerz im unteren Rücken. Die Erkrankung war zurückgekehrt, nur diesmal im Bereich der Wirbelsäule bzw. des Rückenmarks.
Die beiden Runden Chemotherapie (MATRIX) waren diesmal umfangreicher, damit die Medikamente die Erkrankung im zentralen Nervensystem erreichen konnten. Gleichzeitig bereitete man eine CAR-T-Zell-Therapie vor. Mir wurden T-Zellen entnommen und in die USA geschickt, um dort genetisch umprogrammiert zu werden. Ich verbrachte mit Unterbrechungen einige Monate im Krankenhaus.
Ich wollte schon immer einen Hund, aber in dieser Zeit wurde daraus zum ersten Mal ein fester Entschluss: Wenn ich hier rauskomme, hole ich mir Einen.
Kurz nachdem ich meine umprogrammierten T-Zellen zurückbekommen hatte, bekam ich hohes Fieber. Die T-Zellen entfernten dabei meine Krebszellen, aber auch Teile meiner gesunden Immunzellen. Nach sechs Wochen sank das Fieber, und ich durfte wieder nach Hause.
Ziemlich genau ein Jahr später bekam ich erneut hohes Fieber. Mein Hund Ilu hatte mich gerade wieder einigermaßen fit gemacht, da bekam ich zur gleichen Zeit Corona, eine schwere Lungenentzündung, und mein Port war infiziert. Nach weiteren zwei Monaten mit anhaltendem Fieber und zwei Wochen auf der Onkologie mit Verdacht auf einen erneuten Rückfall war ich körperlich wieder am Boden.
Mein Immunsystem hatte ganz untypisch reagiert, sodass meine Blutbestandteile rapide abgefallen waren. Seither erhalte ich einmal im Monat Immunglobuline, um mein sich langsam erholendes Immunsystem zu unterstützen.
Meine psychischen Symptome wurden nicht sofort besser. Durch die Schocks und Therapien waren sie schlimmer geworden. Angst und Konzentrationsprobleme bestimmten meinen Alltag. Ich machte mich immer wieder auf die Suche nach einer Lösung. Alles, worunter ich innerlich litt, war mir nicht unbekannt, nur vervielfacht. Selbst die Angst vor Krebs war mir nicht neu.

Mehr als zwei Jahre vor meiner ersten Diagnose hatte ich nach der Recherche meiner Symptome die spezifische Angst, an einem Lymphom zu leiden. Immer wieder suchte ich Ärzt:innen auf. Jedes Mal waren meine Blutwerte auffällig und die Milz vergrößert. Ein Arzt entdeckte im Ultraschall sogar Gebilde neben meiner Milz. Aufgrund meines jungen Alters wurde ich immer wieder beruhigt, und mir wurden andere Ursachen für meine Symptome genannt.
Schließlich wurde ich sogar an einen Psychiater verwiesen, um meinen unbegründeten Ängsten auf den Grund zu gehen. Paradoxerweise hatte mir die Krebsdiagnose dann doch einen großen Stein vom Herzen genommen: Ich war nicht verrückt, sondern hatte die ganze Zeit recht gehabt.
Jedes Mal, wenn ich wieder überlebt hatte, fuhr ich mit dem Auto durch den Norden Europas, auf der Suche nach Erleichterung. Dank meiner Familie, die mich nach über zehn Jahren wieder zu Hause aufnahm, und meines Hundes Ilu hatte ich irgendwann genug Kraft, um endlich in mir selbst zu suchen.
Das war lange Zeit nicht leicht, weil mich zu vieles zu sehr triggerte. Schon das Wort Krebs führte dazu, dass ich aus Angst Websites sofort wieder schloss. Alles, was in Richtung Prognose ging, war für mich unerträglich. Erst mit KI-Tools konnte ich mich wieder informieren, ohne jedes Mal innerlich zu kippen.
Seitdem ich aufschreibe, was mich belastet, und die Dinge in meinem Podcast laut ausspreche, mache ich Fortschritte. Dabei entdecke ich Traumata, die über die Erkrankung hinausgehen. Aufgrund meiner Neurodivergenz hatte ich mein Leben lang zu kämpfen, vor allem mit Reizüberflutung, Masking und Konzentrationsproblemen. Weil ich durch den Krebs dazu gezwungen war, in mich zu gehen, verstehe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben selbst und kann echte Ruhe empfinden.
Thomas´ Podcast „Hirnbruch – Erkenntnisse aus dem Kollaps“ kann man überall hören, wo es Podcasts gibt!
