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Krebs & Kinderwunsch – voller Hoffnung, aber frei von Druck  

9. Januar 2026
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Gastbeitrag

Sarah´s Geschichte

 

Meine Krebsdiagnose habe ich im Mai 2024 erhalten. Und sie begann mit einem Moment, den ich nie vergessen werde. Ich kam nach einem langen Nachtdienst nach Hause und wollte eigentlich nur kurz ins Bad – gedankenverloren und völlig erschöpft. Wie so oft habe ich meine Brust eigenständig abgetastet. Und plötzlich spüre ich etwas Hartes. Ein Knoten. Ein Gefühl, das mir sofort einen Stich durch den ganzen Körper geschickt hat. In diesem einen Moment wusste ich: Das fühlt sich anders an.

Noch am selben Tag bekam ich einen Termin bei meiner Frauenärztin, und ab da lief alles nur noch wie in einem Tunnel. Untersuchungen, Ultraschall, Mammographie, Biopsie. Zwei Wochen später dann die Diagnose: Triple-negatives, malignes Mammakarzinom. Mit 29.

Mit 29 – einem Alter, in dem sich das Leben eigentlich noch leicht anfühlen sollte, voller Pläne und Zukunft. Ich hatte zwar keinen unmittelbaren Kinderwunsch, aber es war für mich immer klar: Irgendwann möchte ich Mutter werden. Nur eben nicht jetzt – und ganz sicher nicht unter diesen Umständen.

Doch der Krebs stellt Fragen in den Raum, die man in diesem Alter nicht erwartet. Und er gibt einem das Gefühl, plötzlich nicht mehr selbst entscheiden zu dürfen.

Schon am Tag nach der Diagnose saß ich in der Kinderwunschklinik, ohne wirkliche Aufklärung, ohne emotionalen Raum. Es war mehr ein: „Wenn Sie irgendwann Kinder wollen, müssen Sie jetzt sofort handeln.“ Die Entscheidung fühlte sich nicht wie eine Option an, sondern wie ein Zwang, eingegrenzt von Zeit und Angst. Zwei Wochen später wurden mir Eizellen entnommen – ein Eingriff, der körperlich anstrengend, aber vor allem emotional schwer war. Und doch war dieser Tag auch ein Moment tiefster Dankbarkeit: Ein Backup. Ein Stück Zukunft. Ein kleines „Vielleicht nimmt der Krebs mir nicht alles.“

 

Ich begann meine Therapie mit 16 Chemotherapien, begleitet von einer Immuntherapie. Bereits nach der ersten Port-Operation kam es im Verlauf zu einer schweren Entzündung, sodass der Port notfallmäßig entfernt und später ein neuer eingesetzt werden musste. Danach folgte die Operation an der Brust, bei der der Tumor entfernt wurde, sowie 15 Bestrahlungen mit Boost.

Außerdem habe ich zusätzlich eine Tablettenchemotherapie erhalten, die meinen Körper weiterhin fordert, und gleichzeitig erhalte ich noch Immuntherapie.

All das hat Spuren hinterlassen – körperlich und seelisch.
Polyneuropathien, eine offene Brust, Fatigue, Denk- und Konzentrationsstörungen, Momente der Schwäche. Aber auch eine tiefe Dankbarkeit, dass ich noch hier bin.

Dass Krebs Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben kann, hat mich emotional völlig aus der Bahn geworfen. Es fühlte sich an, als würde der Krebs nicht nur meinen Körper angreifen, sondern auch die Vorstellung meiner Zukunft. Dass eine Krankheit mit 29 darüber entscheiden kann, ob man jemals schwanger werden kann – dieser Gedanke war fürchterlich, beängstigend und herzzerreißend.

Während der Therapie gab es viele prägende Momente:

  • Die Eizellenentnahme – Hoffnung im Chaos.
  • Der Beginn der Therapie.
  • Der Tag der Operation – Erleichterung und Angst gleichzeitig.
  • Das erste Mal wieder meine Periode nach der Therapie – das Zeichen: Mein Körper kämpft und beginnt wieder zu arbeiten.
  • Trigger durch Schwangere oder Babygeruch, so stark, dass ich in Tränen ausbrach und Treffen mit schwangeren Freundinnen vermeiden musste.
  • Gespräche, die aufgebaut haben, und andere, die mich zurück in die Angst geworfen haben.
  • Und immer wieder dieses Gefühl: Nichts an Krebs verläuft geradlinig.

 

Heute gehe ich viel bewusster mit dem Thema Kinderwunsch um. Sachlicher – ja. Aber auch hoffnungsvoller. Ich freue mich auf die Zukunft, aber ohne feste Zeitpläne. Ich weiß, dass ich es nicht komplett kontrollieren kann. Krebs macht demütig – vor allem, wenn es um das eigene Leben, den eigenen Körper und die eigene Weiblichkeit geht. Ich sehe es heute nicht mehr als selbstverständlich an, irgendwann Mutter zu werden. Es ist ein Wunsch, aber ein zart gewordener. Voller Hoffnung, aber frei von Druck.

Und das möchte ich anderen jungen Betroffenen mitgeben:

  • Du musst nicht sofort stark sein.
  • Du musst nicht sofort funktionieren.
  • Du darfst traurig sein, wütend sein, verletzt sein – und trotzdem hoffen.
  • Du bist nicht weniger Frau, nur weil dir der Krebs Entscheidungen nimmt.
  • Du bist nicht kaputt.
  • Und du bist nicht allein.

Es wird einen Zeitpunkt geben, an dem du wieder nach vorne schauen kannst. Er darf kommen, wenn du bereit bist. Nicht, wenn andere es erwarten.

 

 

Sarah wurde vom ZDF während ihrer Diagnose begleitet. Die Beiträge finden Sie hier: