Schlechte Comedy – Jens Geschichte

9. April 2021 –

Ein Gastbeitrag von Jens

Lymphdrüsenkrebs mit 29 Jahren. Was für ein beschissener Zeitpunkt im Leben, die Arschkarte im Spiel-des-Lebens-Roulette zu ziehen. Das waren – leicht verknappt – meine Gedanken, als ich damals vollkommen traumatisiert von Arzt zu Arzt durchgereicht wurde, um meine Überlebenschancen und Behandlungsmöglichkeiten näher zu bestimmen.

Nach drei Diagnosewochen im Taumel zwischen vollkommener geistiger Zerrüttung und verblüffenden innerlichen Ruhephasen dann die Erlösung: Morbus Hodgkin, eine deftige Chemotherapie und danach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Neustart ins Leben. Nach dieser Diagnose war der Schrecken vorbei. Ich konnte, aufgrund sehr guter statistischer Prognosen für meine Therapiemöglichkeiten, eine Ziellinie irgendwo am Horizont hinter den Wogen der Chemo ausmachen und darauf zusteuern.

In den kommenden Monaten machte ich die sowohl anstrengendsten als auch spannendsten Erfahrungen meines Lebens. Meine Therapie verlief nach Plan, die Ziellinie kam jeden Tag ein wenig näher und ich begann, mir Notizen über all die Absurditäten einer solchen Krankheit und Behandlung zu machen. Mir wurde inmitten meiner Bekanntschaften in der Tagesklinik und auf der Station meines Krankenhauses schnell bewusst, dass meine Krankheit in Wirklichkeit weit entfernt von der erst angenommenen ultimativen Roulette-Arschkarte war.

Ich lernte einen jungen Familienvater kennen, dessen statistische Aussichten auf ein bloßes „Leben danach“ mickrig waren, er aber dennoch für die schönen Momente mit seiner Tochter aufblühte und dann den in ihm wuchernden Wahnsinn sogar kurzzeitig vergessen konnte. Ich schämte mich in seinen Armen weinend für meine guten Aussichten, nachdem er mir von einem weiteren Diagnosetiefschlag berichtet hatte.

Nach Beendigung meiner Therapie und einem langen Weg, mein Post-Chemo-Ich kennen- und lieben zu lernen, begann ich die Erlebnisse der ganzen Zeit aufzuschreiben. Die ersten Anekdoten brachte ich auf den Rat meiner Psychologin zu Papier, um den vergangenen Wahnsinn besser fassen und bewältigen zu können. Es folgten Jahre des unregelmäßigen Hin-und-Wieder-Schreibens, ich wurde Vater, zog in eine Hausgemeinschaft im fränkischen Seenland, entdeckte als Städter die Schönheit des Landlebens. Meine Krebsdiagnose hat im September 2021 zehnjähriges Jubiläum. Und passend dazu habe ich es endlich geschafft, meine Anekdoten zu bündeln und als einen kurzweiligen, optimistischen Roman zu veröffentlichen.

Seit der Veröffentlichung kann ich meine Krebsvergangenheit mit Freunden, Familie und entfernten Bekannten neu teilen. Ich darf mich zu Fragen äußern, die sich vorher keiner zu stellen getraut hatte. Ich habe das Gefühl, so vielen Menschen näher zu sein, da ich jetzt mein Hodgkin-Abenteuer mit ihnen teilen kann. Ich fühle, dass ich fast zehn Jahre später eine Ziellinie überschritten habe, von der ich vorher nicht wusste, dass sie auf mich wartet.

Mein Roman heißt „Schlechte Comedy“, geschrieben von Jens Fissenewert.