„Na gut, wer von Euch möchte mir jetzt den Zettel an den Fuß kleben?“ – Claudias Geschichte

25. März 2022 –

Ein Gastbeitrag von Claudia

Es gibt in jedem Leben ein paar Dinge, die man einfach nicht vergisst. Für mich ist es der 23.04.2015. Der Tag vor Mamas 62. Geburtstag. Ich komme gerade nach Hause und muss eines der schwierigsten Dinge tun, die mir bis dahin untergekommen sind. Ich rufe meine Eltern an, um Ihnen zu sagen, dass ich morgen nicht kommen kann. Und dann höre ich mich unter Tränen sagen: „Ich habe Krebs“. Danach herrscht Schweigen. An beiden Enden des Hörers. Das einzige, was mein Vater noch sagen kann:

„Egal was passiert – niemals aufgeben.“

Mit gebrochener Stimme antworte ich: „Ja.“ und lege auf.

Ich habe nie aufgegeben und so ist es auch möglich, dass Du heute diesen Gastbeitrag lesen kannst. Von 2015 bis 2017 ist viel passiert. Es ging auf und ab. Gesundheitlich. Privat. Wirtschaftlich.

Vielleicht musst Du Ähnliches erleben oder kennst jemand, dem diese Zeile Hoffnung schenken. Hoffnung auf Heilung. Hoffnung, dass doch alles gut werden kann. Hoffnung auf ein erfülltes Leben „danach“.

Wonach?

Nach einem metastasierten Rektum-Karzinom. Im Volksmund – Darmkrebs im Endstadium.

Nach 12 Operationen, vielen Strahlenbehandlungen und jeder Menge Chemie, die in meinen Körper geflossen ist, weiß ich denke ich, wovon Leute sprechen, die sagen, dass es ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Als Dankeschön für all‘ das, durfte ich auch einen künstlichen Darmausgang behalten.

Nicht, dass hier irgendwas in Vergessenheit gerät…😉

Wunder dich nicht – meine Vergangenheit ist hin und wieder nur mit einem zarten Schmunzeln oder Augenzwinkern zu ertragen. Du wirst hier ab und zu zwischen den Zeilen mit viel Ironie und Sarkasmus konfrontiert sein.

Ich wurde also im April 2015 diagnostiziert wie man so schön sagt. Dann ging sie los – die wilde Fahrt. Startschuss war in der Charité in Berlin. Dort begann eine Woche nach meinem Befund bei einer niedergelassenen Gastroenterologin der Kampf um mein Leben. Im ersten Schritt wurde ein sog. Staging durchgeführt. So konnten die beteiligten Disziplinen feststellen, welches Ausmaß die Katastrophe bereits angenommen hatte.

Da ich selbst Krankenschwester bin und natürlich auch sehr neugierig war, habe ich mir am letzten Tag des stationären Aufenthalts von einem Pfleger auf Station alle Befunde ausdrucken lassen.

Ich saß also abfahrbereit vor der Entlassung am dritten Tag im Schneidersitz auf meinem Bett. Vor mir mein Ex-Mann. Er kam, um mich abzuholen und natürlich zu hören, wie die Ergebnisse der Untersuchungen wohl sein werden. Mit jeder Seite, die ich umblätterte, schwand meine Hoffnung. Zwischenzeitlich hab‘ ich vor mich hingenuschelt: „na gut, wer von euch möchte mir denn den Zettel jetzt an den Fuß knüpfen?“

Ich schüttelte immer nur den Kopf und sagte wieder und wieder: „Nicht gut. Gar nicht gut.“ Irgendwann als ich bereits alles gelesen hatte und meinem Ex-Mann versucht hatte zu erklären, was das alles bedeutet, kam ein Oberarzt zu uns, um die Ergebnisse zu besprechen. Als alles gesagt war, klappte er meine Akte zu und sagte: „Es tut mir so leid.“ Und ich wusste – aha, er ist also für die Zettel am Fuß verantwortlich.

Zettel hin oder her. Es gab nun einen Plan. Der hieß: Eine erste vorbereitende OP, in der mir der Port implantiert, ein Stoma angelegt, meine Eierstöcke verlegt (wegen der Strahlenbelastung) und Lymphknoten aus meiner rechten Leiste entfernt wurden. Danach eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie, die zum Ziel hatte, den Tumor ausreichend zu schrumpfen, um gut operieren zu können. Er war zu diesem Zeitpunkt 10 x 15cm groß.

Als großes Finale sollte dann DIE Tumor-OP folgen und zum krönenden Abschluss, quasi als Epilog, durfte ich mich einer weiteren Chemotherapie über etwa 6 Monate unterziehen. Nur so. Zur Sicherheit. Der Fahrradhelm unter den Darmkrebsbehandlungen sozusagen. Das klingt jetzt alles sehr klar strukturiert und gut händelbar. War es nicht.

Es gab zahlreiche Komplikationen und ungeahnte Zwischenfälle. Aber wie sagt man so schön – das Ergebnis zählt. Und das Ergebnis ist, dass ich seit knapp einem Jahr die magischen 5 Jahre nach Diagnose überschritten habe und mich in den Nachsorgen exzellent schlage. Sprich – ich bin tumorfrei…!

Und so soll es bleiben.