Was ist schon normal? – Julias Geschichte

4. Januar 2022 –

Ein Gastbeitrag von Julia

„Wenn Sie nichts von mir hören, sehen wir uns in einem Jahr wieder.“ – wie oft habe ich diesen Satz schon von meiner Frauenärztin gehört, ohne mir jemals Gedanken darüber zu machen, was genau ich denn von ihr hören könnte. Vielleicht eine Mitteilung über einen Vaginalpilz, einen Keim in der Urinprobe oder eine Entzündung? Nein, an jenem Montag im Mai 2019, ich war gerade 34 Jahre alt geworden, teilte sie mir mit, dass mein Abstrichergebnis einen PAP Wert von Stufe IVa-p ergab – eine schwere Zellveränderung am Gebärmuttermund, möglicherweise schon eine Vorstufe zu Gebärmutterhalskrebs. Ich ging sofort zu ihr in die Praxis und sie erklärte mir an Schaubildern das weitere Vorgehen. „Normalerweise“ würde Gebärmutterhalskrebs in Vorstufen verlaufen und erst nach rund 10 Jahren zu einem Tumor und „echtem Krebs“ werden. Sie war sich sicher, dass ich mit einer Konisation, also einer kegelförmigen Abtragung des Gebärmuttermundes, geheilt werden könnte.

Die Ergebnisse der folgenden Kolposkopie und der Computertomografie zeigten leider ein anderes Bild. Der Tumor im Inneren des Gebärmutterhalses war bereits auf 2,5cm gewachsen. Symptomlos, still und heimlich. Ich war sportlich, schlank, rauchte nicht, trank selten Alkohol, ernährte mich gesund und ging vor allem jährlich zur Vorsorgeuntersuchung, selbst wenn es im Job sehr stressig war, wie damals. Doch irgendwann, Jahre zuvor, hatte ich mich mit dem Humanen Papillomvirus (HPV) infiziert, wie auch rund 80% aller anderen sexuell aktiven Menschen, bei denen die Infektion jedoch von alleine und unbemerkt abheilt.

Es folgte die Vorstellung in der Ambulanz der örtlichen Universitäts-Frauenklinik. Unempathischer konnte dieser Termin nicht laufen. Die Frage ob ich denn noch Kinder haben wollte wurde mir mittlerweile als Standardfrage bei jedem Arztbesuch gestellt – und meine Antwort mit einem bemitleidenden Blick quittiert. So genau hatten mein Lebensgefährte und ich das noch nicht geplant, aber dagegen hatten wir uns auch nicht entschieden. Karriere first – wir waren die letzten Jahre mehr damit beschäftigt, in unseren Berufen aufzusteigen und uns zu beweisen anstatt uns um uns selbst zu kümmern. Hatten ja noch Zeit, wir waren ja noch jung…

Doch plötzlich mussten wir uns mit ganz anderen Fragen beschäftigen: Entfernung lediglich des Gebärmutterhalses mit hohem Rezidivrisiko oder eine radikale Operation, Bauchschnitt oder Schlüsselloch, alle Lymphknoten im Bauchraum entfernen oder nur die Wächterlymphknoten, wobei dieses Verfahren noch in der Studienphase ist. Alles unterlegt mit Wahrscheinlichkeiten – zu 76% geht dieses Verfahren gut, zu 88% jedoch jenes. Mein Freund stand mir bei allen Entscheidungen zur Seite, kündigte seinen Job und nahm sich eine Auszeit. Er brachte mich auch auf die Idee, mir eine Zweitmeinung in der Charité Berlin einzuholen, 500km entfernt von zuhause, aber als Kompetenzzentrum für Gebärmutterhalskrebs bekannt. Wir erhielten schon für die darauffolgende Woche einen Termin für die Voruntersuchung.

Auch wenn die Entscheidung am Schluss auf die radikalste OP fiel, habe ich dem Arzt von Anfang an vertraut. Die 10 Tage in der Klinik gehören jedoch sicher zu denen, die ich am liebsten aus meinem Leben streichen würde. Schmerzen, Schläuche, Beutel, Kabel, Sonden und dazu (vermeidbare) psychische Belastungen. Im Aufwachraum wachte ich neben der überglücklichen Kaiserschnittgebärenden auf, das Krankenzimmer lag neben der Neugeborenenstation mit nachtschreienden Babys und meine Bettnachbarin starb neben mir – an Krebs. Ich hatte das Gefühl der nackten Auslieferung und weinte die Nächte durch. Wer war ich jetzt noch? Wer waren noch meine Freunde, wenn ich zurück komme? Wie geht mein Leben weiter, wenn der Weg, der für eine Frau „normalerweise“ vorgesehen ist, nicht mehr möglich ist? Ich hatte das Gefühl, vor dem Trümmerhaufen meines Lebens zu stehen. Die vierwöchige onkologische Anschlussrehabilitation in einer Klinik für Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde hat mich zurück auf die richtige Spur gebracht und ich begann mein Leben neu zu sortieren. Denn niemand bestimmt, was „normal“ ist und jede Frau und jedes Paar kann auch ein glückliches Leben ohne Kind führen.

Ich begann mit Yoga und Meditation, kaufte mir spontan ein E-Piano und fing an, mich mit positiven Glaubenssätzen zu beschäftigen. Außerdem ging ich regelmäßig zu einer psychoonkologischen Verhaltenstherapie. Schlussendlich wechselte ich die Stelle und folgte meinem Herzen – Ich begann mit 35 Jahren neben einer Teilzeitbeschäftigung noch ein Studium zur Tierphysiotherapeutin. Jetzt lebe ich viel mehr im Moment und nach meinem neuen Leitsatz „Was vorstellbar ist, ist auch machbar“. Ich möchte mein Leben nicht mehr tauschen und bin glücklicher als vor der Erkrankung.

Was ich mir nach alldem wünschen würde? Dass Ärzte und Krankenhauspersonal die psychische Gefühlsebene ihrer schwerkranken Patienten berücksichtigen. Empathische Kommunikation und das Einfühlen in den Patienten sollten schon in der Ausbildung vermittelt werden. Außerdem wünsche ich mir, dass HPV aus der Tabuzone geholt wird und Eltern ihre Mädchen und Jungs impfen lassen. Gegen viele andere Krebsarten kann man sich nicht schützen, gegen Gebärmutterhalskrebs schon!